aus "Internationale Hochzeits-, Tauf- und Todtengebräuche" von Dr. Johannes Sepp, München 1891
Die wilde Jagd
"Bei den Neugriechen ist Charos der Seelenführer, welcher Jung und Alt, Kinder, Jungfrauen, Greise als Jammergestalten durch die Lüfte dahinführt, wie bei den Deutschen Bertha in den zwölf Nächten mit der Kinderschaar auszieht, nämlich den Kleinen, welche im neuen Jahr auf die Welt kommen sollen. *)
Wir lernen hier Charon von einer neuen Seite kennen, doch daß die Anschauung uralt sei, beweist die wildе Jagd bei uns Deutschen.
Auf Allerseelen und Weihnachten hört man auf den Waldhöhen des linken Donauufers bis gegen Ingolstadt Nachts verworrenes Geschrei, Gekrächze, Pfeifen, Gеtümmel, so daß der Wanderer einen Eisenbahnzug nahe glaubt. Die Leute des Schutterthales nennen es das wilde Gejäge, das von der Felsenhöhle im Mauerberg
ausgehe: Karl der Große sei dabei. Für ihn werden deßhalb jeden Abend auf dem Bauerngut zu Waldhof ein paar Scherben Milch auf die Sommerbank vor's Haus gestellt. Hört man das Gejäg kommen, so ist man versucht, das Fenster zu öffnen; aber die Alten warnen nicht hinauszusehen, sonst könnte es einem wie dem Müller Stephan von der Bauchenberger Mühle ergehen, dem der Kopf so anschwoll, daß er ihn lange nicht mehr zum Fensterstock hereinbrachte.
*) Sepp, Religion der alten Deutschen und ihre Fortdauer. Kap. 5. Die Weihnachtmesse der Untersberger. 10. Unschuldig Kindertag. Germanische Seelenlehre. 11. Die Klöpfelsnächte. Kap. 160. Das Codtenheer oder Wodans Jagd


Nicht selten nimmt es Leute mit und trägt sie einige Stunden weit,
so einen Mann von Sidellohe, der am Christabend auf der Feldmühle Mettenwürste holen wollte; er wurde in die Luft gehoben und bis Ingolstadt fortgeführt, dort ließ es ihn beim Gebetläuten im Felde stehen. Der Mann lebte noch 1857. Auch haut man beim Holzfällen am Samstag drei Kreuze in den Stamm, daß die wilde Jagd der armen Seele nicht schade, die im Wald verunglückt ist."

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